Xita und Korean Town

Für all die, die sich um uns Sorgen machen, weil ich mal wieder so lange habe auf mich warten lassen: es geht uns gut, sehr gut. Ich habe mal wieder soviel unternommen, dass ich einfach keine Zeit mehr hatte, meine Bilder auch noch zu sortieren und den Rechner anzuschmeißen. So ganz nebenbei habe ich ja auch noch drei Kinder und einen Hund. Ich weiß gar nicht, wie ich ohne meine 阿姨 auch noch den Haushalt bewältigen sollte. DAS GEHT JA GAR NICHT!!

Was in London oder New York Chinatown ist, ist in Shenyang Koreantown. Und dorthin haben wir kürzlich einen Ausflug gemacht. Unser Fahrer hatte uns dort abgesetzt und uns zunächst einmal in Richtung Xita geschickt. Kultur muss sein, hat er sich vermutlich gedacht. Die Xita, oder auch Pagode im Westen, ist ein tibetanischer Buddhisten Tempel, der zwischen 1640-1645 (Qing-Dynastie) gebaut wurde. Während der Kulturrevolution wurde sie 1968 zerstört und im Jahr 1998 wieder aufgebaut.

Weit entfernt von einer uns bekannten Kirche erscheint der Tempel ein belebter Platz für alle Gläubigen zu sein. Hier herrscht Ruhe für jeden, der eine Kerze anzünden will.

Immer wieder beeindruckend ist die moderne Kulisse der Stadt außerhalb dieser Bauten aus alten Zeiten. Jung und alt, modern und den Traditionen verhaftet, hier leben alle neben- und miteinander.

Ich bin mit dem Buddhismus nicht vertraut, aber die Figuren und die Farbenpracht sind beeindruckend, etwas furchteinflößend und mit ihren Größen durchaus auch einschüchternd.

Auch wenn es vielleicht nicht in das Idyll eines Tempels passt, so sind Kleiderbügel und Müll auch ein Zeichen vom Leben vor Ort. Übrigens hüte ich mich inzwischen, etwas als Müll zu bezeichnen. Hier wird alles wiederverwertet und aufbewahrt, Dinge werden repariert oder umfunktioniert. Was meine Kinder in der Schule lernen: Re-use, Reduce, Recycle, hier wird es praktiziert! Da beginne ich schon, etwas umzudenken!

Noch letzte Blicke zurück auf den Tempel und die Ruhe und Geborgenheit, dann geht es raus ins „echte“ Leben.

Die Gegend um die Xita herum wird als Koreantown bezeichnet. Dieses Viertel entstand vor rund 100 Jahren und beherbergt heute eine Vielzahl von Korea-Chinesen. Auch die Koreaner essen gerne scharf, worauf die zum trocknen ausgelegten Chili-Massen hindeuten. Allzu nah möchte ich da nicht herantreten, allerdings ist Szechuan-Pfeffer in solchen Mengen viel gefährlicher. Da kann einem schon mal die Luft wegbleiben, wenn man auf dem Gewürzmarkt an den gefüllten Säcken vorbeiläuft.

Unser Streifzug durch Koreantown war bunt, lebhaft und lustig. Es ist ein Gewimmel wo auch immer man hinschaut, ein reges Treiben in gemäßigtem Tempo. Große Busse, die auch gerne ohne zu bremsen über die Kreuzungen fahren und Fahrradkuriere existieren hier nebeneinander. Ich will nicht sagen friedlich, denn hier gilt eindeutig, der Stärkere siegt. Und beim Schreiben des Wortes Fahrradkurier musste ich lachen, fielen mir doch sofort die flotten und flott gekleideten Berliner Kuriere mit ihren Rennrädern ein. Na, das sieht hier anders aus!

Überhaupt ist es spannend zu beobachten, womit sich die Menschen hier beschäftigen. Erst nach näherem Hinsehen hatte ich erkannt, dass in der kleinen Blechbude eine Friseurin arbeitet. Immerhin, sie hat ein Dach über dem Kopf. Es gibt auch die Möglichkeit, zu einem Barbier am Straßenrand zu gehen. Der hat immerhin noch einen Hocker für seine Kunden und einen weißen Kittel, damit er als Profi zu erkennen ist. Ich will nicht sagen als Friseur, denn auch die Masseure, die am Straßenrand arbeiten, tragen einen weißen Kittel.

Eine sehr leckere Spezialität ist das koreanische BBQ, bei dem man sich die Zutaten selbst zusammenstellt und dann am Tisch grillt. Dazu benötigt man offenes Feuer, was in einem Loch in der Mitte des Tisches untergebracht wird. Damit es nicht zu einer Rauchvergiftung kommt, gibt es integrierte Rauchabzüge, sehr fortschrittlich. Das Feuer wird natürlich vorgeglüht, dafür eignen sich diese kleinen Eimer ganz hervorragend. Und kleine Spieße lassen sich hier auch ganz gut grillen.

Bescheidenheit, das ist eine Tugend, die ich hier immer wieder in Erinnerung holen muss. Mit dem Wenigen zufrieden sein und dennoch den Humor und den Spaß am Leben nicht verlieren, eine ganz hohe Kunst in meinen Augen.

Bitte schüttelt mich, wenn ich mich auch nur einmal über Stromausfall beschwere, oder darüber, dass ich mal für einige Stunden kein fließend Wasser habe.

Es geht uns gut, sehr gut! In meinem Garten liegt frisch verlegter Rollrasen, die Fliegengitter sind eingebaut. Und auch wenn es heute etwas verregnet ist, so stehen die Zeichen auf Sonnenschein!

Ganz liebe Grüße,
Eure Bettina

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.